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Old Europe? Wer ist rückständig: Die Angriffs-versessene Bush- Administration oder das Kriegs-unwillige Europa?

Old Europe?

Wer ist rückständig: Die Angriffs-versessene Bush-

Administration oder das Kriegs-unwillige Europa?

Europa, Ende des 2. Jhd. n. Chr.: Der griechische Schriftsteller Philostratos schreibt eine Biographie des berühmten Weisen Apollonius von Tyana. In einer der Geschichten wird dieser in die Stadt Ephesos gerufen, die seit längerem von einer seltsamen Epidemie befallen ist.

(...) "Seid zuversichtlich! Noch heute werde ich der Seuche ein Ende machen." Auf diese Worte hin führte er die ganze Jugend vor das Theater, wo das Standbild des Apotropaios errichtet worden war. Hier sahen Sie einen alten Mann, der zu betteln schien und kunstfertig mit den Augen zu blinzeln verstand. Er trug einen Ränzel mit einem Stück Brot darin, war in Lumpen gehüllt und hatte ein schmutziges Antlitz. Apollonius ließ diesen Mann von den Ephesern umringen und rief: "Hebt Steine in großer Menge auf und bewerft damit den Feind der Götter!" Die Epheser wunderten sich über diesen Befehl und hielten es für grausam, einen so armseligen Fremdling zu steinigen, der jammerte und um Erbarmen flehte. Apollonius aber ließ nicht locker und feuerte sie an, auf den Mann einzudringen und ihn nicht fliehen zu lassen. Daraufhin begannen ihn einige aus der Ferne zu beschießen, und als nun der Fremdling, der zuerst nur zu blinzeln schien, auf einmal aufblickte und Augen voll Feuer zeigte, erkannten die Epheser in ihm den bösen Geist und steinigten ihn jetzt so, dass ihn bald ein Hügel von Steinen begrub. (...)

Die Epidemie ist danach auf wundersame Weise verschwunden. Der Lynchmord hat das Übel aus der Stadt entfernt.

Die Epidemie

Ausgangspunkt der Geschichte ist die Epidemie - und wenn wir diese nicht medizinisch, sondern metaphorisch deuten, dann wird das Geschehen klarer: In der Stadt herrscht ein "vergiftetes" Klima, eine angespannte Atmosphäre voller Neid, Missgunst und Intrigen. Den Bewohnern ist die Unerträglichkeit und Unhaltbarkeit dieses Zustandes bewusst, doch sie wissen weder Ursachen noch Ausweg. Apollonius durchschaut das Problem und weiß die Lösung: Ein "Sündenbock" muss her. Die Stadtbewohner haben zunächst noch Skrupel, doch als der erste Stein geworfen ist, reagieren sich alle hemmungslos an ihm ab. Hinterher ist die Atmosphäre gereinigt und alle sind sich sicher, richtig gehandelt zu haben.

Philostratos ist ein Konservativer. Mit seinen Werken will er die subversive Kraft des sich immer mehr ausbreitenden Christentums bekämpfen. Er ist fest entschlossen, die Werte und die religiösen Riten seiner Kultur zu verteidigen und deren Widerstandsfähigkeit gegen die neue Glaubenslehre zu stärken. Seine Bücher sind beliebt und bis ins 4. Jhd. weit verbreitet.

Was er in der Geschichte als legitime Handlungsweise preist, ist ein wirksamer Trick, mit dem die menschliche Psyche entlastet und menschliche Gemeinschaften harmonisiert werden können: Durch die Propagierung eines "Sündenbocks" wird aus dem Alle-gegen-Alle ein Alle-gegen-Einen, das die Menschen neu eint. Die aufgestaute und richtungslose Aggression wird auf ein Ziel gerichtet und an diesem entladen. Die Aggression wird mit einer Gewalttat geheilt.

Woher kommt die Aggression?

Anscheinend haben wir es hier mit einem fundamentalen Phänomen zu tun und das macht die Geschichte hochaktuell: Während Tiere ihre Aggressionen durch ihren Instinkt in klar definierten Bahnen ausleben und selbst Raubtiere sich nur äußerst selten gegenseitig umbringen, scheint die Aggression beim Menschen, obwohl dieser entwicklungsgeschichtlich nicht von einem Raubtier abstammt, grenzenlos zu sein und richtet sich vor allem gegen Seinesgleichen. Wir können vermuten, dass dies nicht durch eine biologische Determinierung, sondern durch das Gegenteil hervorgerufen wird: Durch sein Bewusstsein und seine Freiheit.

Der Mensch ist das erste Lebewesen, das über sich und seine Situation in der Welt reflektieren kann und deshalb unangenehmen Erkenntnissen ausgesetzt ist: Er weiß sein Leben lang nicht, warum er existiert und warum überhaupt etwas existiert und nicht nichts ist, was eigentlich normal wäre. Er findet sich im Leben vor, ohne dies gewollt zu haben, und er weiß, das er eines Tages sterben wird, was er auch nicht will. Daraus resultiert ein scheinbar unstillbares Gefühl des Mangels und daraus abgeleitet eine unendliche Begierde.

Da auch diese Begierde nicht festgelegt ist, sondern weit über die Befriedigung der biologischen Grundbedürfnisse hinausgeht, haben wir es mit einem richtungslosen Begierdegefühl zu tun, das sich erst seine Objekte suchen muss. Es wird schließlich auf eine angeborene Verhaltensweise zurückgegriffen: Es wird imitiert. Es wird das Begehren der Anderen nachgeahmt. Und daraus ergibt sich ein Konflikt: Wenn Alle das Gleiche begehren, werden Alle untereinander zu Konkurrenten. Die Aggression nimmt immer mehr zu. Die Atmosphäre wird "vergiftet".

Um die Atmosphäre wieder erträglich zu machen, müssen die Aggressionen zu einer großen gemeinsamen Aggression umgeformt und dann ausgelebt werden: Es braucht einen äußeren Feind, gegen den man Krieg führt - oder einen inneren Feind, der als "Sündenbock" für alle Übel verantwortlich gemacht und hingerichtet werden kann. Danach herrscht für eine gewisse Zeit Frieden, bis der Aggressionspegel wieder so hoch ist, dass das Ritual wiederholt werden muss.

Sind Feindbilder und Sündenböcke notwendig?

Die Lehre des Christentums ist diesem archetypischen Verhalten völlig entgegengesetzt: Das Gefühl des Mangels wird durch den Glauben an die Liebe Gottes beruhigt. Die Begierden bleiben so in maßvollen Dimensionen. Die Aggression verschwindet. Mitgefühl und Nächstenliebe werden möglich.

Während Appolonius die gehemmte Menge anfeuert, doch endlich mit der Steinigung zu beginnen, hemmt Jesus die nach einer Steinigung gierende Menge: "Wer unter Euch frei von Sünde ist, werfe den ersten Stein." Dieses totale Auf-den-Kopf-stellen lieb gewonnener Gewohnheiten und Bräuche findet natürlich nicht überall Begeisterung. So wird Jesus am Ende selbst Opfer jenes Rituals, das er verachtete und bekämpfte. Der Unruhestifter wird verhaftet, die aufgeputschte Menge will seinen Tod und bekommt ihn schließlich auch.

Mythen und Evangelien

Durch die detaillierte Schilderung des Lebens Jesu und der Mechanismen, die zu seiner Hinrichtung führen, werden diese Mechanismen demaskiert und verlieren in der Folge ihre Kraft und Wirksamkeit. Jedem, der die Evangelien liest, wird sofort klar, dass hier nicht wie in den Mythen die Sieger im Recht sind.

Die Mythen verklären die Geschichte. Geschichte wird als ständiger Kampf gesehen und die Wahrheit ist immer auf der Seite der strahlenden Helden. Die Evangelien schildern die menschliche Realität dagegen äußerst objektiv und realitätsnah. Die Mythen werden unglaubwürdig, die Evangelien sind glaubwürdiger.

In den Evangelien wird zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte ein Opferritual aus der Sicht des Opfers geschildert - und das Opfer ist noch dazu eindeutig unschuldig. Da gerade die Wahrheit seiner Reden und Taten zur Verurteilung und Hinrichtung führen, entlarvt sich das ganze System selbst als scheinheilige und unmenschliche Farce.

Mit der Kreuzigung Jesu wird ein kollektiver Mord begangen, der zwar - wie immer - kurzfristig das Einheitsgefühl unter den Tätern stärkt, der aber langfristig durch die Erzählung mit dem völlig neuem Blickwinkel auf das Geschehen die Selbstverständlichkeit des Rituals zerstört. Seit der Kreuzigung Jesu ist nichts mehr so wie es vorher einmal war. Die Kreuzigung ist ein Wendepunkt in der Geschichte, ist der seltsame Anfang eines neuen Zeitalters.

Altes oder neues Europa?

Wenn Donald Rumsfeld dieses Europa wegen dessen nicht vorhandener Aggressivität und dessen Widerstreben, die Feldzüge der USA mitzumachen, spöttisch als "Old Europe" bezeichnet - und ihm damit mangelnde Vitalität unterstellt - dann zeigt dies vor allem: Dass die Bush-Regierung trotz aller Frömmelei nicht einmal im Ansatz verstanden hat, um was es im Christentum geht. Im Gegenteil: Die Bush-Regierung kommt in ihrer Rhetorik und ihrem Verhalten dem "Old Europe" der vorchristlichen Zeit sehr sehr nahe.

 

April 2003

Günther Hartmann,


 

Literatur

Markus: Das Evangelium - Worte, Taten und Schicksal Jesu (Rom, ca. 60 n.Chr.)

Matthäus: Das Evangelium - Worte, Taten und Schicksal Jesu (Syrien, ca. 80 n.Chr.)

Lukas: Das Evangelium - Worte, Taten und Schicksal Jesu (Kleinasien, ca. 90 n.Chr.)

Johannes: Das Evangelium - Worte, Taten und Schicksal Jesu (Syrien, ca. 110 n.Chr.)

Philostratos: Das Leben des Apollonius von Tyana (Griechenland, ca. 200 n.Chr.)

Jean-Paul Sartre: Der Ekel (Paris, 1938)

Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts (Paris, 1943)

Rene Girard: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz (Paris, 1999)


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